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Federico Barocci (1526/1535 – 1612):

Äneas‘ Flucht aus Troja. Er trägt seinen alten Vater Anchises aus dem brennenden Troja. 1598.

Rom, Galleria Borghese.

 

Flucht vor den Serben

25. Mai 1992. In Bosnien herrscht Krieg. Schmutziger Krieg. Die Serben bemühen sich nach Kräften, die bosnischen Muslime niederzumetzeln, auszurotten, zu vertilgen, als wären sie bloßes Ungeziefer.

In Kozarac, einer kleinen muslimischen Stadt in Bosnien, müssen zwei Kinder, der dreizehnjährige Resul und die achtjährige Fatima, von einem Versteck aus hilflos zusehen, wie Serben ihre Eltern auf bestialische Weise abschlachten und das Haus niederbrennen.

 

Die Bewohner von Kozarac, unter ihnen Resul und Fatima, rennen um ihr Leben. Ihr Ziel sind die Wälder des nahen Kozara-Gebirges. Unter den Flüchtlingen entdecken sie Onkel Sulejman, einen Freund ihrer Eltern, und wandern mit ihm entlang dem Hauptkamm nach Nordwesten, um so nach Österreich zu gelangen. Liebevoll wie ein Vater sorgt er für ihr leibliches Wohl. Er hat nämlich eine halbautomatische Glock eingesteckt, zeigt ihnen auch, wie man damit umgeht, und erlegt damit ab und zu einen Hasen oder einen Fasan und brät das Fleisch über einem rasch entfachten Feuer. Übernachtet wird im Wald.

Nur, so nett Onkel Sulejman auch ist, Resul fühlt sich stets diskriminiert, wenn er mit ansehen muss, wie seine Schwester deutlich freundlicher behandelt wird. Zufällig sieht er eines Abends, wie Onkel Sulejman Fatima über die entblößten Schenkel streichelt, und weiß: Ihre Keuschheit ist bedroht. Ist er nicht als ihr älterer Bruder verpflichtet, diese zu bewahren, mit welchen Mitteln auch immer? Allah (Ehre sei ihm) weiß, was wir tun. Er will, dass alle, die die Ehre der Jungfrauen schänden, gesteinigt werden.

Resul hat im Religionsunterricht gut aufgepasst.

Es wird Nacht. Resul erwacht durch unerklärliche Geräusche. Er richtet sich auf und sieht in dem durch das Geäst der Bäume gefilterten Mondlicht, wie sich Onkel Sulejman, halb entkleidet, über Fatima beugt. Ihre Beine sind entblößt und obendrein gespreizt. Noch etwas sieht er: Onkel Sulejmans Jacke mit der halbautomatischen Glock. Sie liegt in Griffweite.

Gleich einem Roboter greift er nach der Jacke, fischt die Glock heraus, lädt sie durch. Das dabei entstehende Geräusch hört Onkel Sulejman. Er wendet sich von Fatima ab, blickt zurück, springt flink wie ein Raubtier auf. Im selben Augenblick drückt Resul ab. Onkel Sulejman erstarrt in seinen Bewegungen, geht langsam in die Knie, bricht nieder, bleibt stumm und regungslos liegen.

Fatima springt ihrerseits auf, rennt auf Resul zu, wirft ihre Arme um seinen Hals, bricht in Tränen aus. „Danke, lieber Bruder! Du hast mich gerettet. Nur, was jetzt?“

„Nichts wie weg hier, was sonst.“

Er verstaut die Glock in seiner eigenen Jackentasche, nimmt Fatima bei der Hand. Und so machen sie sich durch die Dunkelheit davon wie Hänsel und Gretel und ruhen nicht eher, als bis der Morgen graut.

Weit oberhalb der Talsohle stoßen sie auf ein einsam gelegenes Gehöft. Die Bäuerin gibt ihnen zu essen und zu trinken und bietet ihnen an, in der Scheune zu übernachten und morgen früh mit ihr zum Wochenmarkt in Karlovac mitzufahren, falls sie ihr helfen, die Obst- und Gemüsekisten auf den Traktoranhänger zu heben und dort zu verstauen. Unterdessen sind sie offenbar in Kroatien.

In Karlovac angekommen, liefert die Bäuerin die Kisten und die zwei Kinder bei einem Transportunternehmer ab und bittet ihn, diese nach Ljubljana mitzunehmen.

Doch sie sind erst eine halbe Stunde unterwegs, da hält er an.

„Habt ihr überhaupt einen Ausweis?“

Resul und Fatima schütteln den Kopf.

„Nein? Da muss ich euch aber aussteigen lassen. Jetzt kommt gleich die Grenzbrücke zu Slowenien. Und da gibt’s neuerdings eine Grenzkontrolle.“

Ungerührt sieht er zu, wie die Kinder mit enttäuschten Mienen hinausklettern, und braust davon. immerhin, Allah sei Dank, beide Grenzposten können sie anstandslos passieren und setzen ihren Weg eben per pedes fort.

Enttäuscht, verbittert und schrecklich hungrig und durstig erreichen sie die erste slowenische Stadt. Wo könnten sie sich hier etwas Genießbares erbetteln? In einem Gasthaus vielleicht?

Und da taucht auch schon ein solches vor ihnen auf. Sie betreten es zaghaft und werden freundlich aufgenommen und bewirtet. Doch während sie selig schnabulieren, stehen unversehens zwei Polizisten vor ihnen und verlangen ihre Ausweise. Da sie keine zu sehen bekommen, durchsuchen sie ihre Jackentasche und entdecken – was? Natürlich, die automatische Glock. Diese wird kommentarlos konfisziert, sie selbst auf die Polizeiwache mitgenommen und dort eingesperrt. Nun, wenigstens müssen sie hier nicht mehr hungern.

Einige Tage später erscheint eine Nonne, geleitet sie zu einem Auto und verstaut sie in dessen Rücksitz. Es folgt eine stundenlange Fahrt in Richtung Norden. Nur, die Nonne schweigt eisern, und das macht ihnen mehr und mehr Angst. Zuletzt biegt sie von der Straße auf einen steil bergauf führenden Weg ab, und wenige Minuten später kommt ein auffallend großes, düsteres, ja furchterregendes Gebäude in Sicht, davor eine hohe Mauer, dahinter dichter, dunkler Wald, der sich einen steilen Berghang hinaufzieht. Der Wagen fährt durch ein eisernes Tor in einen großen Hof und hält vor dem Eingangsportal. Davor erwartet sie eine weitere Nonne, alt und dick und abscheulich anzusehen. Vor ihrer Brust baumelt ein großes goldenes Kreuz.

Resul und Fatima dürfen aussteigen, und die Nonne, die sie hierher chauffiert hat, deutet ihnen wortlos, der dicken Alten zu folgen. Diese wendet sich, ohne einen Ton von sich zu geben, um und schreitet voran, der angsterregenden Monsterbehausung zu. Im Inneren empfängt die Kinder zu allem Überfluss ein deprimierender Geruch.

Und um es kurz zu machen: Resul und Fatima befinden sich hier in einem von Nonnen geleiteten Kinderheim. Und damit, wie sich herausstellt, in einem neuerlichen Gefängnis, im Vergleich zu dem jenes Polizeigefängnis ein wahres Paradies war. Als Erstes erhalten sie christliche Namen und dürfen ihre muslimischen Namen nicht mehr gebrauchen. Ein Pater Vladislav tauft sie und versucht sie nun zu gläubigen Katholiken zu erziehen. Natürlich ohne den geringsten Erfolg.

Als weit schlimmer empfinden sie es allerdings, dass sie sofort unbarmherzig getrennt werden und dass hier absolutes Sprechverbot herrscht. Damit nicht genug, müssen sie schon wieder hungern. Obendrein werden sie pausenlos nach Strich und Faden gedemütigt, misshandelt, ja sogar gefoltert. Ihre Arbeitskraft wird rücksichtslos ausgebeutet. Und: Fatima wird von Pater Vladislav missbraucht.

So geht das viele Monate hindurch. Und erst im November hilft ein glücklicher Zufall den beiden Kindern, heimlich zu entwischen. Durch das nur kurz geöffnete Eisentor flitzen sie hinaus, entlang der Mauer in den Wald und, dort angekommen, den Berghang hinauf, verzweifelt hoffend, dass ihre Flucht nicht gleich bemerkt wird.

Nur, der Hang ist steil, und im Wald ist es nicht immer leicht, vorwärtszukommen. Und trotz des Morgennebels und der morgendlichen Kälte schwitzen sie bald wie in einer Sauna. Aber wenigstens regnet es nicht, und es liegt auch noch kein Schnee. Immerhin, der dichte Nebel ist ihr Freund.

Nach geraumer Zeit überschreiten sie die Nebelobergrenze, und sie erwartet ein strahlend blauer Himmel. Bald darauf stoßen sie auf einen Fahrweg. Das hat den Vorteil, dass sie schneller vorwärtskommen, aber den Nachteil, dass sie leichter gefunden werden können, falls man sie verfolgt, zumal jetzt, oberhalb des Nebels. Und als sie obendrein erkennen, dass der Weg zu einem bäuerlichen Anwesen führt, verlassen sie ihn gar schnell wieder und nehmen lieber die Unbequemlichkeit des dichten Waldes auf sich als das Risiko, gefasst und zurückgeschleppt zu werden. Und auch der Umstand, dass sie schwitzend und schnaufend einen Berghang erklimmen müssen, hat einen unbestreitbaren Vorteil. Die Gefahr, sich zu verirren oder gar im Kreis zu gehen, ist auf diese Weise praktisch ausgeschlossen.

Irgendwann endet der Wald, vor ihnen erstreckt sich eine weite, steile Grasfläche, übrigens ganz ohne Schnee, und zuoberst ist bereits der Gipfelkamm zu erahnen. Dieser ist, wie sich herausstellt, sanft gerundet und vollkommen frei von gefährlichen Felsen. Ist das vielleicht schon die Grenze zu Österreich?

Doch nun befällt sie eine neue Sorge: Was, wenn zufällig ein Grenzposten vorbeipatrouilliert und sie erwischt und zurückschickt oder gar festnimmt? Immerhin sind sie durch ihre hässliche Anstaltskleidung schon von weitem als Zöglinge des höllischen Kinderheims im Tal und damit als Ausreißer erkennbar. Oder noch schlimmer: Am Ende steht dort oben ein Grenzzaun mit Stacheldraht und anderen Schikanen wie bis vor kurzem am Eisernen Vorhang, und keiner kann drüber, oder man wird gar erschossen?

Schließlich stehen sie ganz oben. Sie haben den Gipfelkamm erreicht. Von nun an geht es in ihrer Richtung nur noch bergab. Nur, ist das überhaupt die Grenze? Da ist kein Grenzzaun, niemand brüllt „Stoj!“, oder wie das halt auf Slowenisch heißt, und kein Grenzposten kommt auf sie zu gestürmt, um sie am Übertritt zu hindern. Ist das am Ende doch noch nicht die Grenze? Ängstlich blicken sie um sich. Und dann zeigt Fatima erwartungsvoll auf einen niedrigen, rot und weiß bemalten Steinquader in einiger Entfernung und sagt: „Was ist das?“

„Ha, das kann doch nur ein Grenzstein sein“, ruft Resul aus, stürmt voller Aufregung auf diesen zu und erkennt schon von weitem dessen Aufschrift: ein großes O mit zwei Pünktchen darüber. Was mag das wohl bedeuten? Slowenisch oder Serbokroatisch-Bosnisch ist es jedenfalls nicht, denn in diesen Sprachen existiert ein solcher Buchstabe nicht. Es muss der deutschen Sprache angehören und ist vielleicht der Anfangsbuchstabe des deutschen Wortes für Austrija.

Ja, das muss es sein. Überglücklich fällt Resul seiner Schwester um den Hals und schreit: „Fatima, mi smo u Austriji, samo zamisli!“ („Wir sind in Österreich, stell dir vor!“)

Und ehe noch irgendwas oder irgendwer dazwischenkommen kann, nimmt er sie bei der Hand und beginnt den Gegenhang hinunterzustürmen, soweit die Almwiesen reichen. Erst als sie dem Waldrand nahe kommen, machen sie halt und setzen sich ins Gras, um zu verschnaufen und sich ihres unverhofften Glücks bewusst zu werden. Nun ist hoffentlich nicht mehr zu befürchten, dass sie ein Häscher gefangen nehmen und ins Kinder-KZ zurückschleppen könnte. Was hätten sie wohl gemacht, wäre ihnen, sagen wir, Pater Vladislav mit einem Moped nachgekommen?

Diese Frage stellt Resul in den Raum. Fatima beantwortet sie postwendend: „Ich hätte ihn mit Steinen beworfen. Noch lieber hätte ich ihm die Augen ausgekratzt für das, was er mir angetan hat.“

„He, du hast recht. Ich wäre aus demselben Grund vielleicht mit einem dicken Ast auf ihn losgegangen und hätte ihn erschlagen. Das hätte er genauso verdient wie Onkel Sulejman.“

Dann fällt ihnen ein, dass sie strenggenommen auch hier noch nicht sicher sind. Wenn die Grenze nicht stärker bewacht ist, könnten ihnen eventuelle Verfolger natürlich bis hierher nachkommen. Zudem sind sie auf der Alm weithin sichtbar.

Also auf und weiter in den Wald hinein!

Im Wald kommen sie nur langsam voran, obwohl es zeitweise steil bergab geht. Aber dann stoßen sie zu ihrer Erleichterung auf einen Fahrweg, der mäßig steil bergab führt. Und da nehmen sie erneut die Beine unter die Arme und rennen sozusagen um ihr liebes Leben und halten nur an, um an Quellen und Bächen ihren Durst zu stillen. Und vor einem einsam gelegenen Bauernhaus, an dem sie vorbeikommen, haben sie fast keine Angst mehr, und wenn doch, dann höchstens vor einem Hund, der sie unter wütendem Gebell verfolgt und den Resul mit einem rasch aufgelesenen Holzstück abwehrt.

Beim nächsten Bauernhaus erleben sie eine unsagbar freudige Überraschung. Eine junge Frau beruhigt sofort ihren Hund, der die Kinder mit Gebell begrüßt, und begrüßt sie ihrerseits in einer Sprache, die garantiert nicht Slowenisch ist und Serbokroatisch schon gar nicht. Zu ihrem Bedauern können sie den Gruß nur mit Gesten und einem schüchternen Lächeln beantworten. Aber dafür wissen sie nun ganz bestimmt, dass sie sich nicht mehr auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien befinden. Die Frau ruft ihnen auch noch irgendetwas nach. Und das klingt zwar irrsinnig freundlich, ja einladend. Aber sie verstehen kein Wort und wagen nicht zu fragen, und auch nicht, sich zu erkennen zu geben.

Nach stundenlanger Wanderung bergab – die Sonne steht bereits verdächtig niedrig – mündet der Fahrweg in ein schmales, aber asphaltiertes Sträßlein. Und bald danach sehen sie vor sich eine größere Anzahl geparkter Autos, alle mit Nummerntafeln, die garantiert nicht jugoslawisch sind, und dahinter ein Gasthaus mit großem, gutbesuchtem Gastgarten. Mittlerweile ist nicht nur ihr Durst, sondern vor allem auch ihr Hunger übermächtig geworden. Hunger sind sie zwar längst gewohnt. Aber hier verlockt sie ein köstlicher Duft, haltzumachen und, hinter einem Gebüsch verborgen, zu beraten, ob sie es wagen sollen, den Wirt anzubetteln. Fatima zweifelt nämlich immer noch, ob es ratsam ist, hier an etwas Essbares zu gelangen.

Während sie noch beraten, hören sie in unmittelbarer Nähe fröhliche Kinderstimmen. Im nächsten Augenblick stehen zwei Mädchen vor ihnen, starren sie mit großen Augen an und sagen dann etwas. Und das ist zu Resuls und Fatimas Entzücken dieselbe Sprache, mit der sie die junge Bauersfrau angesprochen hat.

Als die zwei Mädchen erkennen, dass sie nicht verstanden werden, ergreifen sie kurzerhand die Hände der total erschöpften Kinder und schleppen sie in den Gastgarten zu den dort Tafelnden. Sie postieren sich vor einem Tisch, an dem mehrere Erwachsene sitzen und sie verwundert anblicken, holen zwei freie Stühle, stellen sie an den Tisch und fordern Resul und Fatima durch Handzeichen auf, sich daraufzusetzen. Das tun sie, wenn auch nur zögernd und unter ängstlichen Blicken auf die Erwachsenen und zugleich unter begehrlichen Blicken auf die duftenden, verlockenden Speisen, mit denen der Tisch beladen ist.

Einer der Herren am Tisch hat das in diesen Blicken enthaltene Begehren offenbar erkannt. Er nimmt zwei leere Teller, legt je zwei Brotschnitten und je eine Schinkenschnitte und je zwei Schnitten Käse darauf, stellt sie vor Resul und vor Fatima hin und fordert sie, ebenfalls durch Handzeichen, freundlich lächelnd auf, unverzagt zuzugreifen und es sich schmecken zu lassen. Und sie greifen zu mit ihren schmutzigen Händen und lassen es sich schmecken. Dabei ist ihnen vollkommen bewusst, dass der Schinken Schweinefleisch ist, dessen Genuss der Islam verbietet.

Und wie sie es sich schmecken lassen! Etwas so Köstliches haben sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr schnabuliert – zuletzt in ihrem Elternhaus, serviert von ihrer armen Mutter. Und Schinken haben sie sowieso noch nie gekostet. So wunderbar lassen sie es sich schmecken, dass die zwei Mädchen kichern müssen und die Erwachsenen zuerst erstaunte und dann betroffene Gesichter machen und, da die fremden Kinder die Speisen im Nu wie hungrige Wölfe verschlungen haben, ihnen freigebig immer mehr auftischen, bis sie beim besten Willen nicht mehr können. Ein erstauntes Gesicht macht zunächst auch die Kellnerin. Doch bald danach bringt sie zwei große Gläser voll mit köstlichem, frischgepresstem Apfelsaft. Und immer wieder danken Resul und Fatima ihren Wohltätern in Form von Gesten.

Sobald sie dieses ungewohnte Festmahl beendet haben, spricht eine der Damen sie auf Englisch an und fragt, ob sie Englisch verstehen. Darauf kramt Resul seine kärglichen und längst verschüttet geglaubten Englischkenntnisse hervor und sagt: „A little.“

Und so erfahren ihre Wohltäter einiges über sie, so gut es Resul vermag – wohlgemerkt, bei weitem nicht alles, vor allem nichts über Onkel Sulejmans Verbleib und nichts über das schreckliche Kinderheim, dem sie soeben glücklich entronnen sind.

Danach spricht einer der Herren Resul an. Dieser versteht zwar nur „sleep“, schließt aber daraus, dass er gefragt wird, wo sie in der kommenden Nacht zu schlafen gedenken. Seine Antwort: Schulterzucken. Irgendwo im Wald, sagt er sich im Stillen, werden wir schon ein Plätzchen zum Schlafen finden, so wie früher mit Onkel Sulejman. Aber dann fällt ihm ein: Verdammt, im Unterschied zu damals können die Nächte jetzt im November schon bitterkalt werden.

Gedankenversunken, wie er ist, merkt er plötzlich, dass die Dame, die ihn als Erste angeredet hat, neuerlich zu ihm spricht, und er hat den Anfang überhört und versteht nur noch „come with us“. Da bringt er erst recht kein Wort hervor, jedenfalls kein englisches, und kann die Fragende nur ungläubig anstarren. Sie nickt heftig, quasi um ihn zu ermutigen, und er flüstert seiner Schwester zu: „Du, die wollen uns mitnehmen. Was sagst du jetzt?“

Und was sagt Fatima jetzt? Sie bricht in Tränen aus und ruft: „Komm, laufen wir geschwind davon, damit sie uns nicht einholen können!“

„Aber nein. Ich glaube, die wollen uns nicht zu den Nonnen zurückbringen, sondern zu sich nach Hause mitnehmen, und dort sollen wir übernachten.“

Augenblicklich versiegen die Tränen, Fatimas Augen werden groß, und ein wundersames Leuchten geht über ihr Gesicht, und Resul antwortet: „She says yes. And thank you.“ Und könnte er, so würde er seiner Dankbarkeit noch bedeutend wortreicheren Ausdruck verleihen.

Aber nun stürmen die zwei Mädchen freudestrahlend auf sie beide zu und zerren sie, lebhaft plappernd, von der Bank und führen sie zu etwas, was sie noch nie gesehen haben: einen Kinderspielplatz. Na, da ist die ganze Müdigkeit vergessen und wie weggeblasen. Nie hätten sie nach dem vielen Kummer gedacht, dass sie wieder einmal so vergnügt sein könnten.

Doch nur allzu bald erheben sich die Erwachsenen und wandern in Richtung Parkplatz. Die nette Dame, die sie eingeladen hat, wiederholt ihre Aufforderung. Zugleich ergreifen die zwei Mädchen ihre Hände und schleppen sie zu einem der geparkten Autos und verfrachten sie auf den Rücksitz. Die eine setzt sich zu ihnen, die andere winkt ihnen zum Abschied zu und steigt in ein anderes Auto. Die freundliche Dame setzt sich zu ihnen auf den Beifahrersitz, einer der Herren setzt sich ans Steuer, und los geht’s.

Sie fahren, soweit es Resul beurteilen kann, weiter nach Norden, und das heißt: ins Innere von Österreich. Das freut und beruhigt ihn und Fatima so sehr, dass beide fast auf der Stelle einschlafen. Sie erwachen erst, als es aussteigen heißt.

Sie sind in ihrem schönen neuen Zuhause angekommen. Mehr noch, sie haben eine liebevolle neue Familie gefunden.

Und: Sie sind in Sicherheit, können in Frieden und in Freiheit leben.

Siehe auch

 

 

 

 

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Imprint

Text: Karl Plepelits
Cover: By Fridericus Barocci - Web Gallery of Art, Uploaded to en.wikipedia 03:45 28 Jul 2004 by en:User:Wetman., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=109125
Publication Date: 03-09-2022

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